Kritiken zum Tonhalle Konzert
Beide Zürcher Zeitungen berichten begeistert vom Konzert des Merel Quartets
Eigene, neue Züge
Das Merel-Quartett in der Tonhalle Zürich
Mit aufsehenerregenden Interpretationen der Streichquartette von Joseph Haydn, Felix Mendelssohn Bartholdy, Leos Janacek,
György Kurtág und David Philip Heiti hat sich das Merel-Quartett auf dem Gebiet der älteren, neueren und neusten
Musik gleichermassen verdient gemacht. Sein Erfolg basiert auf einer schlanken, erdig-warmen Klanggebung und auf Auslegungen,
die von starkem Kommunikationswillen geprägt sind. Wie der j¨ngste Abend im Kammermusik-Abonnement des
Tonhalle-Orchesters Z¨rich gezeigt hat, offenbart in dieser Spielart nicht nur jede einzelne Komposition eigene, neue
Züge, sondern es treten auch Beziehungen zwischen den Werken und Epochen hervor. In schlichter Formschönheit erklang
Robert Schumanns zweites Streichquartett in F-Dur, dessen schnelle Sätze das Merel-Quartett in zügigem Tempo nahm. Der
rhythmischen Präzision tat das aber keinen Abbruch — ganz im Gegenteil: Das Thema des Kopfsatzes erschien im energischen
Zugriff der Primaria Mary Ellen Woodside besonders schlüssig. Im Scherzo wirbelten die Arpeggi nur so in die Höhe, und
es verbreitete sich eine gelassene Heiterkeit, in welche sich die Auszü̈ge aus Heinz Holligers «COncErto» bestens einfügten.
Das Merel-Quartett kombinierte die verschiedenen «Soli» des offen angelegten Werks von Holliger sinnvoll; in den
Überlappungen der ein zelnen Teile ergaben sich reizvolle Verzahnungen. Woodside, Meesun Hong (zweite Violine), Alex
ander Besa (Viola) und Rafael Rosenfeld (Cello) wussten auch aus den komplizierten Spielweisen der zeitgenössischen Musik
jederzeit klanglich Delikates hervorzuzaubern. Schliesslich zeugten auch die nebulöse Lyrik im Andante von Sándor Veress'
erstem Streichquartett und die düstere Dramatik in Johannes Brahms zweitem Streich quartett in a-Moll von einer
Zugangsweise, die den Weg in die Zukunft der Interpretation klassischer Musik weist.
NZZ, 10.5.201D
Das Zürcher Merel-Quartett mit Sinn für Kontraste Zürich, Tonhalle —Johannes Brahms war ein skrupulöser Komponist. Ganz besonders in der
Königsdisziplin der Kammermusik: Über 20 Streichquartette soll er geschrieben haben, bis er eines veröffentlichungswürdig fand. Grosse Qualitätsansprüche
gibts aber auch bei Interpreten. Das Zürcher Merel-Quartett setzt die Messlatte für seine Darbietungen jedenfalls sehr hoch. Wie die Geigerinnen Mary Ellen
Woodside und Meesun Hong, der Bratschist Alexander Besa und der Cellist Rafael Rosenfeld Brahms' 2. Streichquartett spielen, wie sie dessen feine
Spinnfäden sortieren und beleuchten, ihre verzwickten Beziehungen zueinanderbringen, das ist betörend. Nur schon die ersten paar Takte sind von ho hem
Feinsinn der Formulierung und hauchzarten melodischen Linien geprägt — es entsteht ein sanft wiegendes Hin und Her. Und wie ein Schrei zerreisst ein
Unisono das ganze Gebilde: zu Ende der sehnsüchtige Traum.
Das Gefühl für Kontraste: Sensibilität, Nervosität, Leidenschaft, hellwaches Lauschen und Erwidern, hier Zartheit und Empfindungstiefe, dort Aufbrausen,
all diese Gegensätze bestimmen sowohl Brahms als auch Robert Schu manns zweites Streichquartett. Jedes billige Auftrumpfen wird vermieden, obwohl auch bei
Schumann die helle Freude an manchem handfesten Forte nicht zu überhören ist. Dem Schwebenden indes, den Traumgesten, der Ambivalenz, die seine Komposition
prägt, kommen sie wirklich nahe. Und auch in Holligers Auszügen aus seinem «COncErto...? Certo! — cOn soli pEr tutti (...perduti?...)!» und in Sandor
Veress' erstem Streichquartett bewegen sie sich traumwandlerisch sicher durch die Extreme der Klanglandschaften. Das Ensemble zeigt ein wunderbares
Zusammenwirken der Energien, stilistische Souveränität und einen aussergewöhnlichen Sinn für Differenzen. Tom Hellat
Tages Anzeiger, 10.Mai 2011
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